Brasilien steht vor einer politischen Richtungsentscheidung. Am 25. Oktober 2026 entscheidet die Stichwahl zwischen Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und seinem Herausforderer Flávio Bolsonaro über die politische Zukunft der größten Volkswirtschaft Südamerikas. Doch die Wahl hat auch internationale Bedeutung: Welche Rolle wird Brasilien künftig innerhalb von BRICS spielen? Was bedeutet der Wahlausgang für das EU-Mercosur-Abkommen? Und welche Chancen ergeben sich für die Europäische Union und Deutschland?

In der neuen Ausgabe von Frei gedacht, dem gemeinsamen Format des Europapodcasts, der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Europäischen Akademie Berlin, diskutieren die Journalistin Susann Kreutzmann und der ehemalige Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst über Brasiliens geopolitische Rolle, die wirtschaftlichen Beziehungen mit Europa und die Zukunft internationaler Partnerschaften.

Brasiliens Präsidentschaftswahl: Lula oder Bolsonaro?

Brasilien steht vor einer Wahl zwischen zwei politischen Lagern, die sich seit Jahren unversöhnlich gegenüberstehen. Präsident Lula verfolgt eine Außenpolitik, die auf Beziehungen zu unterschiedlichen internationalen Machtzentren setzt. Mit der Idee einer multipolaren Weltordnung verbindet er den Anspruch, Brasilien eine eigenständige Rolle zwischen den großen Mächten zu sichern. Sein Herausforderer Flávio Bolsonaro könnte dagegen einen außenpolitischen Kurs einschlagen, der stärker auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet ist. Doch auch unter einer möglichen Bolsonaro-Regierung bleiben Brasilien und China wirtschaftlich eng verbunden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wer Präsident wird, sondern wie Brasilien seine internationalen Partnerschaften künftig gewichten wird.

BRICS: Herausforderung für den Westen oder eigenständige Interessenvertretung?

Brasilien gehört zu den Gründungsmitgliedern von BRICS. Gemeinsam mit Staaten wie China, Indien, Russland und Südafrika hat das Land an einem Zusammenschluss mitgewirkt, der den Anspruch erhebt, die Interessen wichtiger aufstrebender Volkswirtschaften international stärker zur Geltung zu bringen.

Allerdings ist BRICS kein homogener politischer Block. Seine Mitglieder unterscheiden sich erheblich in ihren wirtschaftlichen Strukturen, politischen Systemen und außenpolitischen Zielsetzungen. Für Brasilien war BRICS unter Lula auch ein Instrument, um seine außenpolitische Eigenständigkeit zu behaupten. Ob und wie Flávio Bolsonaro diesen Ansatz fortsetzen würde, gehört zu den zentralen Fragen der Sendung.

Mercosur: Eine strategische Chance für die Europäische Union

Neben BRICS steht der südamerikanische Wirtschaftsverbund Mercosur im Mittelpunkt der Diskussion. Nach langjährigen Verhandlungen wird das EU-Mercosur-Interims-Handelsabkommen seit dem 1. Mai 2026 vorläufig angewandt. Das umfassendere Partnerschaftsabkommen ist davon zu unterscheiden. Die rechtliche und politische Auseinandersetzung über die Handelsbeziehungen ist damit noch nicht beendet.

Für die EU geht es um weit mehr als zusätzlichen Handel. Das Abkommen eröffnet Möglichkeiten, internationale Lieferketten zu diversifizieren, neue Absatzmärkte zu erschließen und wirtschaftliche Abhängigkeiten zu reduzieren. Gerade für Deutschland ist Brasilien deshalb ein wichtiger Partner. Doch innerhalb der Europäischen Union bestehen unterschiedliche wirtschaftliche Interessen, insbesondere zwischen exportorientierten Industrien und landwirtschaftlichen Sektoren.

Rohstoffe, Technologie und wirtschaftliche Zusammenarbeit

Brasilien verfügt über große Rohstoffreserven, darunter bedeutende Vorkommen seltener Erden. Zudem bestehen wirtschaftliche Potenziale in der Infrastruktur, im Bergbau, in der Medizintechnik und in industriellen Zukunftstechnologien. Susann Kreutzmann und Torsten Herbst betonen, dass europäische Unternehmen diese Möglichkeiten stärker nutzen sollten. Dabei geht es ausdrücklich nicht allein um den Zugang zu Rohstoffen. Brasilien möchte einen größeren Teil der industriellen Wertschöpfung im eigenen Land behalten. Technologietransfer, gemeinsame Investitionen und lokale Verarbeitung können deshalb Grundlagen einer langfristigen Zusammenarbeit sein.

Was Europa jetzt tun sollte

Die Diskussion zeigt, dass Brasilien stärker in den Mittelpunkt europäischer Außen- und Wirtschaftspolitik rücken sollte. Deutschland und die EU müssen dabei anerkennen, dass sich Brasiliens internationale Handlungsmöglichkeiten verändert haben. China und andere Partner sind wirtschaftlich längst präsent. Europa kann seine Position deshalb nicht allein mit historischen Beziehungen oder bestehenden Handelsstrukturen sichern. Entscheidend sind konkrete Angebote, verlässliche politische Beziehungen und die Bereitschaft, brasilianische Interessen ernst zu nehmen.

Über die Gäste

Susann Kreutzmann ist Journalistin und Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung in Berlin. Zuvor berichtete sie mehrere Jahre aus Südamerika und beschäftigte sich intensiv mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Brasiliens.

Torsten Herbst ist Diplom-Kaufmann, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der FDP und selbstständiger Berater. Von 2004 bis 2014 gehörte er dem Sächsischen Landtag an, von 2017 bis 2025 dem Deutschen Bundestag. Dort war er unter anderem Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion.

Moderation: Lennart Jürgensen und Sascha Tamm von der Friechrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Weitere Folgen des Europapodcasts

Den Europapodcast unterstützen

Folge dem Europapodcast

Höre uns in deiner Podcast-App, folge uns auf Social Media oder unterstütze unsere unabhängige Arbeit.

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner