Großbritannien hat gewählt. Nicht das Unterhaus in Westminster und nicht die Regierung in London standen direkt zur Wahl. Und doch sind die Ergebnisse politisch weit mehr als ein lokaler Stimmungstest. In England fanden Kommunalwahlen statt, in Schottland und Wales wurden die Parlamente der devolved governments gewählt. Unterschiedliche Ebenen, unterschiedliche Wahlsysteme, unterschiedliche politische Kulturen. Zusammengenommen zeigen diese Wahlen aber ein Land, dessen Parteiensystem in Bewegung geraten ist.
In dieser Sonderfolge des Europapodcasts analysiert Manuel Knapp gemeinsam mit Dr. Birgit Bujard, was die Ergebnisse über die politische Lage im Vereinigten Königreich verraten. Warum gewinnt Reform UK gerade jetzt an Stärke? Wie tief ist die Krise der Conservatives? Warum ist die politische Geduld mit Keir Starmer und Labour bereits so stark erschöpft? Und was bedeutet es, dass Labour in Wales eine historische Hochburg verloren hat?
Besonders deutlich wird in der Folge: Die Konfliktlinie des Brexit ist nicht verschwunden. Auch zehn Jahre nach dem Referendum wirkt die Unterscheidung zwischen Leave und Remain weiter in das Wahlverhalten hinein. Zugleich zeigt sich, dass die Lebenshaltungskostenkrise, enttäuschte Erwartungen und der Vertrauensverlust gegenüber den großen Parteien den politischen Raum für kleinere und neue Kräfte öffnen.
Der Blick geht dabei nicht nur nach London. Wales erlebt mit dem Erfolg von Plaid Cymru einen historischen Einschnitt. In Schottland bleibt die SNP trotz Verlusten stärkste Kraft, während Reform UK erstmals deutlich ins Parlament einzieht. Die Grünen und die Liberaldemokraten profitieren von lokaler Verankerung und von der Suche vieler Wählerinnen und Wähler nach Alternativen.
Zum Schluss richtet sich der Blick auf die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union. Keir Starmer möchte Großbritannien wieder stärker „at the heart of Europe“ sehen, ohne den Brexit grundsätzlich infrage zu stellen. Doch wie viel Spielraum hat eine Regierung, die innenpolitisch unter massivem Druck steht? Und wie viel Entgegenkommen kann sie von der Europäischen Union erwarten?
Über unseren Gast
Dr. Birgit Bujard ist Politikwissenschaftlerin und ausgewiesene Expertin für britische Politik, britische Europapolitik und die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union. Sie ist Geschäftsführerin am Department für Politikwissenschaft der Universität zu Köln, Senior Research Fellow am Centrum für Türkei- und EU-Studien, CETEUS, und Mitglied im Speakers-Pool Team EUROPE DIRECT der Europäischen Kommission.
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