Am 9. Mai feiert die Europäische Union den Europatag, der an die Schuman-Erklärung von 1950 erinnert und für Frieden, Versöhnung und europäische Zusammenarbeit steht. In Russland wird am selben Datum der sogenannte Tag des Sieges begangen, der an den Sieg über NS-Deutschland erinnert. Doch unter Wladimir Putin ist dieser Tag immer stärker zu einem politischen Machtinstrument geworden.
In dieser Folge von Frei gedacht, der Kooperation der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, der Europäischen Akademie Berlin und des Europapodcasts, sprechen Johanna Hans und Sascha Tamm mit Dr. Irina Scherbakowa und Dr. Anastasia Vishnevskaya-Mann über Erinnerungspolitik, russische Propaganda und die Instrumentalisierung des Zweiten Weltkriegs.
Die Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa beschreibt, wie der 9. Mai in der Sowjetunion ursprünglich ein Tag persönlicher Trauer, familiärer Erinnerung und des Gedenkens an unermessliche Opfer war. Zugleich zeigt sie, wie dieser Tag seit den Breschnew-Jahren (1964-1982) und besonders unter Putin (1999 – heute) zunehmend in ein staatliches Siegesnarrativ überführt wurde. Die Politikwissenschaftlerin Anastasia Vishnevskaya-Mann ergänzt eine persönliche Perspektive aus ihrer Kindheit, Schulzeit und Studienzeit in Russland und erklärt, wie sich der Umgang mit dem sogenannten Großen Vaterländischen Krieg in den 2000er und 2010er Jahren veränderte.
Im Zentrum steht die Frage, warum das Narrativ vom „Kampf gegen den Faschismus“ bis heute so wirksam ist und wie es zur Rechtfertigung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine genutzt wird. Die Folge blickt auch nach Deutschland: Welche russischen Geschichtsbilder finden hier Resonanz? Warum verfangen sie in bestimmten Milieus? Und was können Politik, Bildung, Medien und Zivilgesellschaft tun, um historischer Verdrehung und propagandistischer Vereinfachung entgegenzutreten?
Unsere Gäste
Dr. Irina Scherbakowa
Dr. Irina Scherbakowa ist Historikerin, Germanistin, Übersetzerin und Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial. Seit den 1970er Jahren beschäftigt sie sich mit Stalinismus, Gulag, politischer Repression und Erinnerungskultur in Russland. Memorial erhielt 2022 gemeinsam mit Ales Bialiatski aus Belarus und dem ukrainischen Center for Civil Liberties den Friedensnobelpreis. Die Organisation wurde in Russland zunächst aufgelöst und im April 2026 vom Obersten Gerichtshof Russlands als „extremistisch“ eingestuft.
Dr. Anastasia Vishnevskaya-Mann
Dr. Anastasia Vishnevskaya-Mann ist Politikberaterin mit Schwerpunkten auf Russland, Geopolitik, Sicherheitspolitik und Menschenrechte. Sie hat internationale Beziehungen in Moskau und Berlin studiert und an der Freien Universität Berlin über Separatismus in Russland und China promoviert. In der Folge ordnet sie ein, wie sowjetische und russische Geschichtsnarrative in Bildung, Alltag und politischer Kommunikation wirken und wie sie in Deutschland aufgenommen werden.
Weitere Folgen der Sendung Frei gedacht
Weitere Folgen der Kooperation in der Sendung „Frei gedacht“ findet ihr hier: Zur Sendung.
Weitere Folgen des Europapodcasts

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