Zum Tag der Arbeit spricht der Europapodcast mit Dr. Kamila Schöll-Mazurek vom Polnischen Sozialrat über die Lebensrealität von EU-Arbeitskräften in Deutschland. Ihre Analyse zeigt ein klares Bild. Diese Menschen sind längst ein zentraler Bestandteil des Arbeitsmarkts, profitieren aber deutlich weniger von ihm.
Unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind polnische Staatsangehörige mehrheitlich als Fachkräfte tätig, nämlich 50,2 Prozent. Gleichzeitig arbeitet ein großer Teil im Helferbereich mit 40,4 Prozent, während nur 9,3 Prozent als Spezialistinnen und Spezialisten oder Expertinnen und Experten beschäftigt sind. Viele sind in Branchen wie Bau, Logistik oder Industrie tätig und häufig unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation.
Diese strukturelle Schieflage spiegelt sich auch beim Einkommen wider. Während der Medianlohn in Deutschland bei rund 3.945 Euro liegt, verdienen viele EU-Arbeitskräfte, etwa aus Rumänien oder Bulgarien, nur zwischen 2.520 und 2.611 Euro. Das entspricht oft einem Unterschied von 30 bis 35 Prozent, bei gleichzeitig unsichereren Beschäftigungsverhältnissen, etwa in Leiharbeit oder Saisonarbeit.
In der Beratung zeigt sich, warum das so ist. Abschlüsse werden nicht oder nur langsam anerkannt, Sprachbarrieren erschweren den Zugang zu besseren Jobs und bürokratische Hürden verzögern die Integration. Viele gut ausgebildete Menschen arbeiten deshalb dauerhaft unter ihrem Qualifikationsniveau. Für Schöll-Mazurek ist Arbeitsmigration deshalb ein Lackmustest für Europa. Die Freizügigkeit funktioniert, aber soziale Integration bleibt häufig unvollständig. Die Folge ist ein System, das wirtschaftlich profitiert, während viele derjenigen, die es tragen, nur begrenzt davon profitieren.
Am Ende steht eine einfache, aber grundlegende Frage. Was ist eigentlich gute Arbeit? Die Antwort ist klar. Sie bedeutet faire Bezahlung, Sicherheit und die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten einzubringen. Alles andere ist langfristig nicht tragfähig.
Hier geht’s zur angesprochenen Broschüre:
https://polskarada.de/wp-content/uploads/2026/03/Sozialrat-Factsheet-digital.pdf
15 Jahre Arbeitnehmerfreizügigkeit – Bilanz, Brüche und Perspektiven im deutsch-polnischen und europäischen Kontext:
https://polskarada.de/polnische-arbeitsmigration-als-lackmustest-2/?lang=de
Über Kamila und den Polnischen Sozialrat
Dr. Kamila Schöll-Mazurek ist Bundesgeschäftsführerin des Polnischen Sozialrats e. V. und arbeitet an der Schnittstelle von Migration, politischer Teilhabe und Antidiskriminierung. Ihre Schwerpunkte liegen auf Antislawismus, der Gleichstellung von EU-Arbeitnehmer*innen, politischer Partizipation sowie Wissenschaft und Migrationsforschung.
Der Polnische Sozialrat e. V. ist ein bundesweites Netzwerk polnischer Migrantinnenorganisationen und setzt sich seit 1982 für Gleichbehandlung, Teilhabe und die Rechte europäischer Migrantinnen ein. Entstanden aus der Solidarność-Fluchtbewegung, arbeitet der PSR heute als unabhängige, gemeinnützige Organisation an der Schnittstelle von Migration, sozialer Inklusion, Demokratieförderung und Antidiskriminierung.
Neben sozialer Beratung und Interessenvertretung setzt der PSR multiethnische Projekte um, unter anderem mit ukrainischen und afghanischen Geflüchteten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Sensibilisierung für Antislawismus in Deutschland.
Heute vereint das Bundesnetzwerk mehr als 30 Migrant*innenorganisationen und Initiativen in 14 Bundesländern.
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