Island gehört zum europäischen Binnenmarkt, zum Schengen-Raum und zur NATO, aber nicht zur Europäischen Union. Beim Referendum vom 29. August 2026 entschied sich eine knappe Mehrheit gegen die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen. Damit stellt sich eine Frage, die weit über Island hinausreicht: Wie attraktiv ist die Europäische Union heute noch?

In dieser Ausgabe von Frei gedacht, dem gemeinsamen Format des Europapodcasts, der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Europäischen Akademie Berlin, diskutieren Sascha Tamm und Lennart Jürgensen darüber mit Frauke M. Seebass und Thomas Hacker.

Warum Island ein europäischer Sonderfall ist

Island ist der Europäischen Union so nah wie kaum ein anderes Nichtmitglied. Über den Europäischen Wirtschaftsraum nimmt das Land am Binnenmarkt teil, über Schengen gehört es zum gemeinsamen europäischen Reiseraum. Gleichzeitig bleibt die politische Entscheidungsmacht in sensiblen Bereichen wie Fischerei und Landwirtschaft ein wichtiges Argument gegen eine Mitgliedschaft.

Das macht Island zu einem Sonderfall. Während viele aktuelle EU-Beitrittskandidaten auf eine deutlich stärkere Integration hoffen, verfügt Island bereits über viele Vorteile europäischer Zusammenarbeit.

EU-Erweiterung unter geopolitischen Vorzeichen

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die Erweiterungsdebatte grundlegend verändert. Die Ukraine und Moldau treiben ihre Beitrittsprozesse voran, auch auf dem Westbalkan ist neue Bewegung entstanden.

Doch Geschwindigkeit allein reicht nicht. Die Folge fragt deshalb, ob die EU gleichzeitig geopolitische Akteurin und Motor demokratischer Reformen sein kann. Rechtsstaatlichkeit, demokratische Institutionen und die Übernahme europäischen Rechts dürfen nicht zu nachrangigen Kriterien werden, nur weil geopolitischer Druck wächst.

Montenegro als Test für die Glaubwürdigkeit der EU

Besonders konkret wird die Diskussion am Beispiel Montenegro. Das Land ist derzeit der am weitesten fortgeschrittene Beitrittskandidat. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wenn Montenegro die verlangten Reformen umsetzt, ist die Europäische Union dann auch politisch bereit, den nächsten Schritt zu gehen?

Ein erfolgreicher Beitritt könnte weit über Montenegro hinaus wirken. Er würde den übrigen Westbalkan-Staaten und der Ukraine zeigen, dass der Erweiterungsprozess weiterhin zu einem realen Ergebnis führen kann.

Muss sich die EU vor der Erweiterung selbst verändern?

Mit jedem zusätzlichen Mitglied wird auch die Frage dringlicher, wie eine EU mit mehr als 30 Staaten Entscheidungen treffen soll. Einstimmigkeit, institutionelle Strukturen und Modelle gradueller Integration gehören deshalb ebenfalls zur Erweiterungsdebatte.

Erweiterung ist damit keine Einbahnstraße: Kandidatenstaaten müssen reformieren, aber auch die Europäische Union muss sich auf neue Mitglieder vorbereiten.

Braucht Europa ein neues Versprechen?

Am Ende führt die Debatte zu einer grundlegenden Kommunikationsfrage. Freizügigkeit, der Binnenmarkt, gemeinsame Regeln und eine gemeinsame Währung sind für viele Europäer:innen selbstverständlich geworden. Wer diese Vorteile täglich erlebt, nimmt sie häufig kaum noch als politische Errungenschaft wahr.

Vielleicht entscheidet sich die Attraktivität der Europäischen Union deshalb nicht allein in Reykjavík, Podgorica oder Kyjiw. Sie entscheidet sich auch daran, ob Europa seinen eigenen Bürger:innen wieder überzeugend erklären kann, wofür die europäische Integration im 21. Jahrhundert steht.

Frauke M. Seebass ist Gastwissenschaftlerin im Brüsseler Büro der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Kosovo, Südosteuropa und der Westbalkan sowie die EU-Nachbarschafts- und Erweiterungspolitik, Friedens- und Konfliktforschung und demokratische Teilhabe. Zuvor arbeitete sie unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. 

Thomas Hacker ist Präsident der Thomas-Dehler-Stiftung und Mitglied im Vorstand der Europäischen Bewegung Deutschland. Von 2017 bis 2025 gehörte er dem Deutschen Bundestag an und war dort unter anderem ordentliches Mitglied im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union.

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