Kathrin Knapp über Tadhg Mac Dhonnagáins Roman, Europas Mehrsprachigkeit, die Hotlist 2026 und die Frage, was Sprache über unsere Herkunft bewahrt.
Was passiert, wenn ein Mensch im hohen Alter plötzlich eine Sprache spricht, von der die eigene Familie nicht einmal wusste, dass er sie beherrscht? Und was geschieht, wenn mit dieser Sprache nicht nur Wörter zurückkehren, sondern eine ganze Vergangenheit? Genau davon erzählt „Madame Lazare“ von Tadhg Mac Dhonnagáin.

Der irischsprachige Roman führt von Brüssel und Paris bis zu den Aran-Inseln vor der Westküste Irlands. Im Zentrum steht Levana. Sie ist stolz auf ihre jüdische Familiengeschichte und auf ihre Großmutter Hana Lazare, die nach der Familienerzählung als Einzige ihrer Familie die Shoah überlebt hat. Doch als Hana im Alter zunehmend den Bezug zur Gegenwart verliert, beginnt sie in einer fremden Sprache zu sprechen. Levana beginnt nachzuforschen und stößt auf eine Geschichte, die ihre Gewissheiten über Familie, Herkunft und die eigene Identität erschüttert.

Im Europapodcast sprechen wir mit Kathrin Knapp über einen Roman, der weit mehr ist als eine Geschichte über ein Familiengeheimnis. Kathrin war lange im Buchhandel tätig, beschäftigt sich heute wissenschaftlich mit Literatur und Geschichte und begleitet „Madame Lazare“ als Buchpatin der Hotlist 2026. Für sie liegt die besondere Stärke des Romans darin, dass die große Enthüllung nicht das Ende der Geschichte bildet. Sie ist vielmehr der Ausgangspunkt für Fragen, die weit über die Figuren hinausweisen: Was bleibt im Gedächtnis? Welche Erinnerungen sind besonders tief verankert? Kann eine Sprache zu einem Speicher kultureller Identität werden? Und gibt es überhaupt ein einziges „authentisches“ Ich?

Eine irische Geschichte über Sprache und Erinnerung
Autor Tadhg Mac Dhonnagáin erzählt in der Folge selbst, woher die Grundidee des Romans stammt. Seine Großmutter berichtete ihm von einem älteren Mann aus dem Westen Irlands, der im Zuge einer Demenzerkrankung die englische Alltagssprache verlor und am Ende seines Lebens nur noch Irisch sprach. Für Mac Dhonnagáin steckte in dieser Anekdote ein Stück irischer Geschichte: der historische Sprachwechsel vom Irischen zum Englischen und die Frage, was von einer Sprache im Gedächtnis eines Menschen erhalten bleibt.

Der Roman macht daraus eine europäische Geschichte. Eine der Figuren arbeitet als Übersetzer bei der Europäischen Kommission. Die EU hat heute 24 Amtssprachen, darunter Irisch. Seit 01. Januar 2022 steht Irisch in den Institutionen vollständig auf derselben Ebene wie die übrigen Amtssprachen. Damit berührt „Madame Lazare“ eine sehr konkrete europäische Frage: Wie kann ein politischer und kultureller Raum zusammengehören, ohne seine sprachliche Vielfalt aufzugeben?
Ein Buch, das selbst durch Europa reist
Besonders bemerkenswert ist der Weg des Romans. Die deutsche Ausgabe wurde von Elvira Veselinović direkt aus dem Irischen übersetzt und erschien 2026 im Alfred Kröner Verlag. Veselinović hatte „Madame Lazare“ zuvor bereits direkt aus dem Irischen ins Serbische übertragen. Auch eine estnische Übersetzung liegt vor. Das Buch zeigt damit nicht nur Mehrsprachigkeit, es praktiziert sie selbst. Literatur aus einer kleineren Sprache muss nicht zwangsläufig über Englisch reisen, um Leser:innen in anderen Teilen Europas zu erreichen.
2022 erhielt „Madame Lazare“ eine Special Mention beim European Union Prize for Literature. 2026 gehört die deutsche Ausgabe zu den 30 Kandidaten der Hotlist, die Bücher aus unabhängigen Verlagen sichtbar macht. Bis einschließlich 04. September 2026 kann das Publikum abstimmen. Drei Titel ziehen über die Publikumswahl in die Zehner-Hotlist ein, sieben weitere bestimmt die Jury.

Jüdische Identität und die Verantwortung des Erzählens
Die Folge spricht außerdem darüber, wie der Roman mit jüdischer Identität und der Shoah umgeht. Kathrin Knapp erklärt, warum sie diesen Teil des Buches zunächst mit besonderer Skepsis gelesen hat und weshalb sie die Recherche des Autors schließlich als sorgfältig und respektvoll empfindet. Mac Dhonnagáin berichtet, dass er sich bei Fragen jüdischer religiöser Praxis beraten ließ, unter anderem von einer irischsprachigen Rabbinerin aus den USA.
Damit öffnet „Madame Lazare“ eine weitere Ebene: Wem gehören Geschichten? Was passiert, wenn eine Familie ihre Identität auf einer bestimmten Erzählung aufbaut? Und wie verändert sich das eigene Selbstbild, wenn diese Erzählung ins Wanken gerät?
Über den Gast
Kathrin Knapp ist ehemalige Buchhändlerin und arbeitet heute als Doktorandin in den Literatur- und Geschichtswissenschaften. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Gegenwartsliteratur und jüdischen Stimmen in der Literatur. Als Buchbloggerin begleitet sie seit mehreren Jahren Titel der Hotlist als Buchpatin.
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